Thema Behinderten-Toiletten

Als Einstieg in ein viele Menschen betreffendes Problem nehme ich Bezug auf ein Ende 2020 erschienenes Buch. Jede*r kennt das: Man muss mal, aber es lässt sich keine Toilette finden. Höchste Pein! Noch viel schlimmer ist das für Rollstuhlfahrer*innen, die nicht irgendeine Toilette brauchen, sondern eine, in die sie hineinfahren können, in der genug Platz ist. Das nennt man barrierefrei. So steht es auf der Website der DMSG Hessen (Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft, Landesverband Hessen e. V.) in einem Artikel zu dem Buch.

Die Lektüre des Buchs macht Sinn, wenn man als Nichtbetroffener verstehen will, worum es geht. Keine Angst davor, es wird nur ein wenig gejammert (das wird von bestimmten Personenkreisen so von Behinderten erwartet und gehört schon deshalb rein), anhand von Bildern auf ungünstige Situationen hingewiesen und es werden sogar positive Beispiele herausgestellt und Vorschriften und Normen nicht vertieft. Wer an der Verbesserung der Situation mitmirken will, dem bietet das Buch einen Einstieg. Es ist überdies auch leichte Kost für diejenigen in der Politik, die von Barrierefreiheit und Inklusion fabulieren und deren Umsetzung persönlich im Wege stehen.

Kein Örtchen. Nirgends.

Das ist der Titel des Buchs zum Thema Behinderten-Toiletten. Wir haben uns früher auch nicht für barrierefreie Toiletten interessiert - bevor es uns betroffen hat, das ist ein Zitat von der Rückseite des Buchs. So wird es vielen der Personen gehen, die das hier vorfinden. Eine Claudia und ein Bernd sind die Autoren des Buchs. Anders als bei meiner Frau Claudia und mir schiebt dort der Bernd den Rollstuhl.

Wer im Rollstuhl unterwegs ist, wird recht bald vor der Frage stehen, wo eine für ihn zugängliche Toilette ist und wie es um diese bestellt ist. Das wird schon alles seine Ordnung haben, vermutet völlig unberechtigterweise der, der sich nicht um die Details gekümmert hat. Im Buch geht es nicht so sehr um die Normen, sei es die DIN 18040-1 und -2 oder gar die TSI PRM für Züge (ich bin bekanntlich ein Eisenbahn-Fan), als vielmehr um alltägliche Nutzungshindernisse, die durch Nichtbeachtung der Normen beim Bau, fehlende Vorschriften, unrichtige Umsetzung und Gedankenlosigkeit wie das Blockieren der wenigen vorhandenen Einrichtungen ausgelöst werden.

Im Rollstuhl auf der Suche nach einem stillen Örtchen wird man sie leicht selbst finden: die mit den kaum oder nicht allein mit eigener Kraft passierbaren Türen, die Abstellkammern (Seite 45; die gibt es übrigens in Restaurants auch mit gestapelten, frischen Tischdecken!), die mit dysfunktionaler Ausstattung und den Standard: falsch herum montierte Toilettenpapierhalterungen, bei denen durch das Anheben des Stützklappgriffs die Rolle WC-Papier zu Boden stürzt (Seite 59) und den Reserve-Rollen auf einem wegen der Höhe nicht zugänglichen Sims (letzteres siehe Seite 99). Einen Wickeltisch so in den Weg stellen, daß der Rollstuhlnutzer nicht an das WC kommt, das gibt es öfter, einen auch für Rollstuhlfahrer nutzbaren Wickeltisch für einen Menschen im Rollstuhl mit Kleinkind eher selten.

Seitens der Politik ist nach meiner Einschätzung wenig zu erwarten, dort will man lieber das Gute sehen und loben - egal, ob es da ist oder nicht - und nicht die Situation für die Betroffenen erkennen oder gar verbessern. Folgerichtig gehört in das Buch das Kapitel über positive Überraschungen, schon weil es erwartet wird. Die wird es, die muß es einfach geben. Im Gespräch mit einem anderen Rollstuhlfahrer, der sich auch intensiv mit den Normen beschäftigt hat, zu der Problematik, kam er zu dem gleichen Ergebnis wie ich: wir beide hatten über mehr als ein Jahr keine normgerecht gebauten und so betriebenen Behindertentoiletten vorgefunden. Nirgends.

Übrigens: sogar auf den Bildern der wenigen für brauchbar befundenen Toiletten im Buch kann man entdecken, daß selbst die keineswegs alle wirklich wie vorgeschrieben oder vorgesehen ausgestattet und betrieben sind. Sei es die angeblich leicht wegschiebbaren Transportwagen vor dem Eingang - wie geht das mit dem Wegschieben, wenn man die nach außen öffnende Tür beim Verlassen der Toilette dagegen drückt (Seite 76)? Wie kommt der Rollstuhlfahrer nach einem Sturz auf den Boden beim Umsetzen zwischen WC-Becken und Rollstuhl an die viel zu kurze Alarmschnur (Seite 81)? Ok, wahrscheinlich merkt er eher, daß für ihn kein WC-Papier erreichbar ist (Seite 81). Die Schnur zu kurz, die Halterung für das WC-Papier falsch herum montiert, das ist auch auf dem Bild auf Seite 103 zu sehen, über dem Hier stimmt alles steht. Auch die Rückenstütze nach DIN fehlt dort. Die Schnur formal lang genug (bis kurz über dem Boden), die Rollen-Halterung aber schlecht erreichbar an der rückwärtigen Wand, das ist auf Seite 107 im Kapitel Juwelen mit Besser geht es kaum überschrieben. Wo steht wohl der Rollstuhl beim Umsetzen aus dem Rollstuhl nach links und wie käme man nach dem Sturz auf den Boden dann an die Schnur? Anmerkung: In der DIN 18040-1 gibt es aus gutem Grund eine Vorgabe für den Abstand zwischen den Stützklappgriffen. Schließlich sollen die Griffe für manche Menschen die Funktion des sich darauf Abstützens bieten. So gesehen erklärt sich der Titel: Kein Örtchen. Nirgends.

Wie schon angedeutet, Toiletten in Bahnhöfen und Zügen sind nicht drin, doch so viel kann ich hier verraten: barrierefrei nach neuester TSI PRM bedeutet keineswegs, die Toiletten wären für Rollstuhlfahrer überhaupt nutzbar. Vom Zustand und der Reinlichkeit einmal ganz abgesehen. Rollstuhlfahrer müssen nämlich zwangsläufig mehr anfassen, als das die andern WC-Nutzer tun. Nach dieser Norm zugelassen und gleichzeitig nicht barrierefrei im Sinne des ohne fremde Hilfe (aus den Behindertengleichstellungsgesetzen) nutzbar, das ist zwar nicht vorgeschrieben aber durchaus möglich.

Für die mancherorts gut gemeinten Listen mit barrierefreien Toiletten in der Gemeinde: die Selbstauskunft von Betreibern einsammeln allein bringt sicherlich keine zutreffenden Ergebnisse. Da dies nur ein Erfahrungswert mehrerer Organisationen der Behinderten ist, stellt das für die Initiatoren gewöhnlich keinen Grund dar, darauf etwas zu geben und von dem Weg über die Selbstauskunft abzusehen. Überdies ist bei den Machern oft wheelmap.org nicht bekannt, sodaß die Verbesserung der Daten dort zu unterstützen keine Option ist. Unwichtig, Aktionismus hat vermutlich auch gute Seiten. Außerdem: Begehung vor Ort hat auch seine Tücken. Wie bei den Autoren verschleiert die Unterstützung durch die Begleitpersonen schon Schwächen der besuchten Einrichtung. Die Tür hinter sich zu machen mangels Platz zum Drehen? Schnell das Fenster zu machen, weil es für die Sitzung sonst zu kalt würde, das geht oft aus dem Rollstuhl heraus nicht, weil die Griffe am Fenster nicht erreichbar sind (Seite 103). Und das kann sogar normgerecht sein. Denn so weit gehen die ansonsten auch oft nicht beachteten Normen nicht mal.

Bei Begehungen muß ein (kundiger) Mensch im Rollstuhl allein (!) alle Funktionalitäten tatsächlich (!) ausprobieren, damit der Zustand einigermaßen sicher eingeschätzt werden kann. Zusätzlich ist ein Nicht-Rollstuhlfahrer nötig, weil nur der an zu hoch angebrachten Ausstattungsmerkmalen prüfen kann, wie es um deren Funktion bestellt ist. Zusammen übersehen die beiden dann vielleicht für Blinde wichtige Merkmale und den Wickeltisch... Niemand hat behauptet, es würde einfach.

Als Einstieg in die Problematik macht die Lektüre des Buchs Sinn. Wer sich schon näher mit dem Thema beschäftigt hat, wird mehr Details erkennen. Auch das hat mich erfreut. In der Zeichnung auf Seite 54 ist ein Kreis mit 150 cm Durchmesser zum Wenden angedeutet, aus gutem Grund ist die Bewegungsfläche nach DIN 18040-1 ein Rechteck (Quadrat) mit mindestens 150 cm x 150 cm Fläche.

Kein Örtchen. Nirgends. ISBN: 978-3-86489-303-2

Bild: mein Exemplar von Kein Örtchen. Nirgends. (Autoren: Claudia Hontschik, Bernd Hontschik, Verlag: Westend Verlag, Frankfurt, erschienen: 2020, 112 Seiten, ISBN: 978-3-86489-303-2).

Quellen und weitergehende Informationen

Eine Leseprobe des Buchs (das Inhaltsverzeichnis und das Kapitel Lamento) gibt es zum Download beim Verlag:

westendverlag.de - Leseprobe (pdf-Datei, 13 Seiten)

Den genannten Beitrag der DMSG Hessen zum Buch finden Sie unter:

dmsg-hessen.de - Artikel zum Buch

Die Definition des Begriffs Barrierefreiheit finden Sie im Gesetz zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen (Behindertengleichstellungsgesetz, BGG) in § 4:

gesetze-im-internet.de - BGG (pdf-Datei, 11 Seiten)

Der Leitfaden für die Planung Barrierefrei bauen aus Rheinland-Pfalz enthält viele der Angaben, die es zur Einschätzung der Barrierefreiheit einer Behinderten-Toilette braucht. Unter 5.3.3 Toiletten gibt es auf Seite 157 die Abbildung Maße und Bewegungsflächen am WC-Becken mit der rechteckigen Bewegungsfläche 150 cm x 150 cm:

rlp.de - Rheinland-Pfalz: Barrierefreies Bauen (pdf-Datei, 176 Seiten)

Die TSI PRM (die EU-Verordnung Nr. 1300/2014 mit den Technischen Spezifikationen für die Interoperabilität bezüglich der Zugänglichkeit des Eisenbahnsystems der Union für Menschen mit Behinderungen und Menschen mit eingeschränkter Mobilität enthält Vorgaben für auch für Rollstuhlfahrer nutzbare Toiletten auch in den Zügen. Sie finden das darin unter dem Begriff Universaltoilette.

eur-lex.europa.eu - TSI PRM auf Deutsch (pdf-Datei, 69 Seiten)

Die im Projekt Wheelmap.org zusammengetragenen Informationen über die Zugänglichkeit im Rollstuhl zu Toiletten, Restaurants und Geschäften auf Kartenmaterial (Stadtplänen) finden Sie unter:

wheelmap.org - Kartendarstellung zugänglicher Orte

Aber Achtung: die Kriterien auf wheelmap.org sind viel lockerer gefaßt, als das in den Normen der Fall ist, nach denen gebaut werden muß. Leider kommt man nur so zu einer nennenswerten Anzahl von grünen Einträgen.

Wer mag, kann sich ein Interview mit den Autoren des genannten Buchs anschauen. Nachstehend befindet sich der Link auf ein knapp acht Minuten langes Video auf Youtube. Es ist sehenswert, nicht nur weil im Interview mit Herr Hontschik angesprochen wird, daß ausgerechnet ein Lokal eine Auszeichnung des Tourismusverbandes für seine Barrierefreiheit bekommen hat, das als besonders schlechtes Beispiel im Buch vorkommt. Das deckt sich mit meiner Beobachtung: Auszeichnungen auf diesem Gebiet sind eher nicht davon geprägt, wie es um die Nutzbarkeit für die Behinderten steht. Vor ein paar Monaten habe ich ein geplantes Ampelsystem für einen Stadtplan für Menschen mit Behinderungen kritisiert, bei dem gelb für überwiegend rollstuhlfreundlich stehen sollte und gemäß Kriterienkatalog sogar vergeben werden konnte, wenn der Zugang zum Gebäude im Rollstuhl nicht machbar war - es mußten nur genügend andere Punkte erfüllt werden. Frau Hontschik spricht im Interview die Behinderten-Toiletten am Autobahn-Netz an, die die Rettung sein können. Allerdings hat keineswegs jeder Rollstuhlnutzer in seiner Lebenswirklichkeit ein Auto zur Verfügung - und mancher will auch keines. Geht der auf Reisen, dann sind es die wenigen Behinderten-Toiletten am Netz des ÖPNV, an den Bahnhöfen und den Busbahnhöfen, auf die es ankommt. Ihm helfen dann nämlich die für ihn abgelegenen Autobahnraststätten und Flughäfen nicht weiter. Stichwort Politik: die Einschätzung, es mangele an der Umsetzung von dem, was nach der Behindertenrechtskonvention für Deutschland erforderlich ist, teile ich.

youtube - Claudia und Bernd Hontschik im Gespräch mit Rainer Weiss (Video, 7:26 min)


(bk, 2020-12-14)

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