Thema Mireo

Neue Züge für die S-Bahn Rhein-Neckar & Barrierefreiheit

Veränderungen bei der S-Bahn Rhein-Neckar stehen an. Neue Triebzüge wurden bestellt, das Streckennetz wächst - 2. Ausbaustufe genannt - und dazu gibt es einen neuen Verkehrsvertrag. Bei anders aufgebauten neuen Fahrzeugen kann das Auswirkungen auf die Barrierefreiheit haben. Positive und auch negative. Von den neuen Straßenbahn-Triebwagen des Typs Rhein-Neckar-Tram 2020 war die Arbeitsgemeinschaft Barrierefreiheit in Mannheim bei der Vorstellung im Oktober 2018 - wie an vielen Stellen nachgelesen werden kann - nicht begeistert. Folglich wird der Entwicklung Aufmerksamkeit geschenkt, zumal weder Betreiber noch Verkehrsverbund noch andere Aufgabenträger von sich aus auf die AG Barrierefreiheit zugekommen sind.

Beim Plenum der Arbeitsgemeinschaft Barrierefreiheit am 08. Juli 2019 kamen Aspekte der Barrierefreiheit der kommenden Triebzüge des Typs Mireo vom Hersteller Siemens zur Sprache. Es gab reichlich Fragen von mehreren Fragestellern und deshalb wird es zu einer Einladung zu einem Vortrag und Gesprächen mit dem Betreiber DB Regio und den Aufgabenträgern auf Ebene Plenum (also nicht nur mit einem Arbeitskreis oder in kleiner Runde) kommen.

barrierefrei-mannheim.de - Aktuelles von der AG Barrierefreiheit

Grundlage TSI-PRM

Sie wollen sich vorab informieren - doch wo anfangen? Nachfolgend finden Sie Hinweise auf Fundstellen im Internet mit Angaben, worum es dabei geht.

Diese Information soll ja nicht abschreckend wirken, aber bisweilen erleichtert der Blick in die Vorschriften die Rechtsfindung. Auch wenn das nicht jedem liegt.

Die oft kurz TSI-PRM genannte Verordnung (EU) Nr. 1300/2014 der Kommission vom 18. November 2014 über die technischen Spezifikationen für die Interoperabilität bezüglich der Zugänglichkeit des Eisenbahnsystems der Union für Menschen mit Behinderungen und Menschen mit eingeschränkter Mobilität ist zu finden unter

eur-lex.europa.eu - PDF mit der TSI PRM 2014 (deutsch)

Es geht um 69 Seiten, die Ladezeit ist nicht immer flott.

Nötig ist der Blick wegen Details, denn wenn es um die Frage geht, wie breit der Zugang zu einem WC für Rollstuhlfahrer*innen sein muß, gilt "Die Zugangstür zur Toilette muss eine nutzbare lichte Breite von mindestens 800 mm haben." Manch einer würde auf 900 mm tippen. Überlegungen aus anderen Bereichen zu Steigungen von Rampen mögen ihre Berechtigung haben und "kräftige Selbstfahrer schaffen 6% bis 10% und kräftige Person schiebt ermöglicht 12% bis 20%" kennen viele Rollstuhl-Fahrer*innen als Faustregel, doch bei Eisenbahnen gibt es den Blick in Tabellen der TSI-PRM. Dabei ist "Länge der Rampe bis 840 mm in einstöckigen Wagen: 12%" (zwischen Vorraum am Einstiegsbereich, Rollstuhl-Platz und Universal-WC) oft relevant. In manchen Fällen sind auch 15% und 18% vorgesehen. 18 Prozent sind sogar etwas mehr als die 10 Grad, die in manchen Bedienungsanleitungen für Rollstühle als Maximum zugelassen sind. Autonom reisen können, wie soll das dabei gehen?

Im Mireo - dieser Typ ist einstöckige - für die S-Bahn gibt es eine Rampe als Ausgleich von etwa 95 mm Höhenunterschied zwischen Einstiegsbereich und den Rollstuhlplätzen, in dieser Richtung als Gefälle. Von der Steigung her wären 95 mm Höhe auf 839 mm Länge nach TSI PRM in Ordnung. Engstellen in der Durchgangsbreite durch die Möblierung muß man dabei im Auge behalten, denn 10% Steigung sind allein schon hinderlich genug.

Wieso gibt es denn überhaupt einen auszugleichenden Höhenunterschied in den Fahrzeugen und wo liegt der Vorteil für die Fahrgäste?

Definitionen sind wichtig, hier eine aus der TSI-PRM: "Ein niveaugleicher Einstieg ist ein Zugang zwischen dem Bahnsteig und der Türöffnung eines Fahrzeugs, für den Folgendes nachgewiesen werden kann: Der Spalt zwischen der Kante der Türschwelle (oder des ausgefahrenen Schiebetritts) dieser Türöffnung und dem Bahnsteig beträgt horizontal nicht mehr als 75 mm und vertikal nicht mehr als 50 mm und zwischen Türschwelle und Fahrzeugvorraum ist keine Stufe vorhanden." Manche Mitstreiter ahnen, solch ein niveaugleicher Einstieg ist nichts für viele Rollstuhlfahrer*innen und sie werden Angaben zum Spalt und zu seiner Überbrückung im Auge behalten.

Erweiterungen im Netz - 2. Ausbaustufe

Nun aber zu den Gründen für neue Fahrzeuge und dem, was auf uns zukommt.

Über die Entwicklung an den Strecken zur S-Bahn Rhein-Neckar und die 2. Ausbaustufe gibt es von DB Netz die Website

www.ausbau-rheinneckar.de - Stand Ausbau der S-Bahn von DB Netz

Dort kann man Informationen zu einzelnen Stationen abrufen, auch mit Angaben zu Aufzügen, Bahnsteighöhen und mit Fotos. Die Information ist auch zugänglich über interaktive Karten (Strecke auswählen, Bahnhof anklicken) - und nicht immer ganz aktuell. Ob alle Stationen rechtzeitig umgebaut sein werden? Ein Großteil der Strecken liegt in Baden-Württemberg, ein Teil in Rheinland-Pfalz und ein kleiner Teil in Hessen.

Das Land Baden-Württemberg informiert auf der Seite

vm.baden-wuerttemberg.de - zu S-Bahn Rhein-Neckar

über diese 2. Ausbaustufe und auch den geplanten Einsatz neuer Fahrzeuge. Enthalten sind Links auf Informationen zum befahrenen Netz einschließlich der vorgesehenen Bedienung und groben Infos zu den einzusetzenden Fahrzeugen:

vm.baden-wuerttemberg.de - PDF mit Steckbrief Netz 6b

www.vrn.de - PDF mit Karte vom Netz 6b

Hilfreich sind diese Informationen für die, die mit Bezeichnungen wie S8 und S9 noch nichts anfangen können. Das Streckennetz der S-Bahn wird größer und ersetzt einige Regional-Bahn-Strecken.

Der Mireo für die S-Bahn

Die bisher eingesetzten Züge der S-Bahn Rhein-Neckar sind rot. Jedenfalls prinzipiell. Das wird bei den kommenden Zügen anders sein. Äußerlich sind sie anders und sie haben auch andere innere Werte.

Zum Außen-Design der Triebzüge vom Typ Mireo kann man sich beim Verkehrsverbund Rhein-Neckar, dem VRN, informieren:

www.vrn.de - zum Mireo für die S-Bahn

Dort gibt es auch das Datenblatt zum neuen Mireo Fahrzeug für die S-Bahn Rhein-Neckar zum Download als PDF:

www.vrn.de - PDF Datenblatt Mireo S-Bahn Rhein-Neckar

Das Datenblatt ist eines der wichtigsten Dokumente für Ihre Vorbereitung. Es enthält u.a. zwei Zeichnungen des Fahrzeugs, die Seitenansicht und den Sitzplan und überdies einige beschreibende Angaben und technische Daten. Diese Angaben sollten Sie angeschaut haben, wenn es um die Anordnung der Rollstuhl-Plätze im Zug geht. Die befinden sich jetzt in der Mitte des Triebzugs. Wie kommt man im Rollstuhl wieder aus dem Zug, wenn die Tür zum Bahnsteig im Einstiegsbereich am Rollstuhlplatz gestört und blockiert ist? Anders als bei den bisherigen Fahrzeugen der Baureihe 425 (den Roten) ist der Durchgang im Fahrzeug zu einem weiteren Einstiegsbereich zu eng. Achten sie auf die Türanordnung und fragen Sie sich, wie man den Einstieg zum Rollstuhlplatz erkennt.

Die Stufen in den Gängen zu den Sitzplätzen bei den Drehgestellen stören Rollstuhl-Fahrer*innen nicht wirklich, ganz im Gegensatz zu dem, was in der Tagespresse bei der Rhein-Neckar-Tram vermutet wurde.

Von der Vorstellung des Designs am 25. September 2018 in der S-Bahn-Werkstatt Ludwigshafen berichtete das Rhein-Neckar Fernsehen (RNF) in einem kleinen Video (mit Werbevorspann) und etwas Text auf:

www.rnf.de - Video-Clip Vorstellung des Designs Mireo S-Bahn

Andere Versionen des Mireo

Allgemeine Informationen zum Mireo auch in den anderen Varianten gibt es bei Wikipedia unter:

de.wikipedia.org - Artikel zu Siemens Mireo

Im Artikel dort gibt es Links auf weitere Veröffentlichungen zu diesen Fahrzeugen.

Die ersten Mireo-Triebzüge kommen für das Rheintal für die Regionalbahn-Strecke von Offenburg über Freiburg im Breisgau nach Basel. Der Einsatz beginnt im Juni 2020. Dann kommen die für unsere S-Bahn und die für die Mittelrheinbahn (Strecke zwischen Mainz und Bingen) in Betrieb. Um Augsburg herum folgen weitere Exemplare in 2022. Alle Varianten haben Unterschiede zueinander. Im Rheintal ist eine andere Einstiegshöhe als hier vorgesehen und es sind weniger Türen, in den blauen Zügen für Augsburg werden Hublifte für Rollstühle eingebaut und es gibt weniger Fahrrad-Plätze als hier. Bei uns dient eine Faltrampe als Einstiegshilfe, wenn die Schiebetritte nicht ausreichen. Bei der Mittelrheinbahn gibt es zusätzliche Schiebetritte. Also aufpassen, auf welche Variante sich eine von Ihnen gefundene Angabe bezieht, weil das bei der Einschätzung der Barrierefreiheit einen erheblichen Unterschied machen kann.

Auch gedruckte Informationen gibt es. Während in den Tageszeitungen weitgehend nur die Pressemitteilungen mehr oder weniger gekürzt wiedergegeben wurden (Abschluß Verkehrsvertrag, Bestellung der Fahrzeuge und zuletzt Vorstellung des Außen-Designs) gab es in Fachzeitschriften schon detailliertere Informationen zur Technik. Einem ausführlichen Artikel gab es in "Stadtverkehr" in der Ausgabe 3/2019. Der Link führt nur zu Angaben zum Artikel, nicht zum Artikel selbst.

www.stadtverkehr.de - Mireo

Finanzierung, Lastenheft und Vorgaben

Die Finanzierung der neuen Züge erfolgt über die Landesanstalt Schienenfahrzeuge Baden-Württemberg (SFBW). Deren Website ist:

www.sfbw.info - Startseite

Als Vorteil dieses Finanzierungs-Modells kann man ansehen, daß verschiedene Eisenbahnverkehrsunternehmen (EVU) unterschiedliche Konditionen bei den Banken zur Finanzierung von neuen Fahrzeugen hätten. Diese unterschiedlichen Finanzierungskosten würden das Angebot bei Ausschreibungen zu Verkehrsverträgen erheblich beeinflussen. Bei Finanzierung über die SFBW haben alle insoweit gleiche und gewöhnlich bessere Konditionen. Ein anderes Verfahren wäre die Beschaffung durch ein Leasing-Unternehmen.

Einige wenige Angaben zu den bisher schon beschafften Fahrzeugen und dem, was aktuell in Beschaffung ist, findet man dort unter:

www.sfbw.info - Fahrzeuge

Weiterer Mitspieler ist die Nahverkehrsgesellschaft Baden-Württemberg mbH (NVBW). Deren Website ist:

www.nvbw.de - Startseite

Dort finden sich einerseits Informationen zu Positionen der Politik - am Beispiel der Probleme im deutschen Schienenverkehrssystem und besonders in Baden-Württemberg unter:

www.nvbw.de - Meldung Probleme im Eisenbahnbetrieb

Als Beispiel werden Probleme mit Weichen und Signalen und Bahnsteigen genannt. Die Flügelung von Zügen klappte hartnäckig auch im Bahnhof Neu-Edingen/Mannheim-Friedrichsfeld nicht, als es bei uns um die Doppelstock-Triebzüge nach Frankfurt ging. Zugteile von und nach Mannheim oder von und nach Heidelberg sollten von Mannheim-Friedrichsfeld gemeinsam in Richtung Frankfurt am Main fahren. Aus schon aufgezeigten Angaben ergibt sich: Flügelung ist vorgesehen.

Schiebetritte sorgten und sorgen für Türstörungen, weil Daten zu Bahnsteigen unzutreffend waren. Die kurzfristige Lösung war Abschaltung --- und damit auch kein überbrückter Spalt am Bahnsteig mehr. Zugausfälle treffen alle, ohne überbrückten Spalt endet für viele Rollstuhlfahrer*innen das autonome Reisen, weil sie um das Anlegen von Rampen bitten müssen. Mehr zur Abschaltung von Schiebetritten weiter unten über den Betriebs-Start von Go-Ahead. Nur so viel: dieser Teil einer neuen technischen Lösung auf der leichten Schulter hat schon mehrfach für Ärger gesorgt. Angesichts der Entfernung zwischen Eingang zum Rollstuhlplatz und dem Führerstand mit den Folgen für den Betriebsablauf beim doch notwendigen Auslegen einer Rampe ist das ein Merkmal, das für diese Mobilitätseingeschränkten wirklich bedeutend ist. Ob die Tragweite inzwischen erkannt wurde?

Bezüglich neuer Fahrzeuge im SPNV erhält man Informationen im Design-Manual NVBW, dem Farb- und Materialkonzept Interieur und dem Muster-Fahrzeuglastenheft unter:

www.nvbw.de - Fahrzeuge

Das Muster-Fahrzeuglastenheft als PDF gibt es unter:

www.nvbw.de - PDF Muster-Lastenheft Fahrzeuge

Bei den neuen Fahrzeugen für unsere Region gibt es jedoch ein eigenes Farbschema, da ja nicht nur Baden-Württemberg beteiligt ist.

Fahrgastbeirat, Fahrgastraum, Mehrzweckraum

Bezüglich des Fahrgastbeirats für den vom Land bestellten Schienenpersonennahverkehr gibt es Informationen unter:

www.nvbw.de - Fahrgastbeirat

Auch dort hat man sich mit Bahnsteighöhen beschäftigt und hat Barrierefreiheit im Arbeitsprogramm, doch eine Behindertenvertretung ist so ein Fahrgastbeirat von der Aufgabenstellung her nicht, auch wenn im ehrenamtlichen Fahrgastbeirat ein Vertreter des Landesverbandes Selbsthilfe Körperbehinderter Baden-Württemberg Mitglied ist.

Ob dem durchschnittlichen Fahrgast klar ist, daß mit Durchsagen zusätzlich zur Anzeige auf einem Display nun zwei Sinne bedient werden und manche Mitmenschen sonst nicht erreicht würden? Ob der Ausstieg links oder rechts ist, das sieht man doch - oder gilt das nicht für alle? Wie auch immer, barrierefrei wird das Fahrzeug, wenn viele solcher Details berücksichtigt und richtig gemacht werden. Ein Leitsystem für Blinde und Sehbehinderte soll vorhanden sein.

bwegt ist die neue Mobilitätsmarke in Baden-Württemberg. Meilensteine dazu gibt es auf

www.bwegt.de - Mmeilensteine

Lesen Sie einfach mal das Interview unter

www.bwegt.de - Interview Rudolf

Es zeigt, wie lang der Weg zur Barrierefreiheit im SPNV ist und wo wir stehen - und wodurch Einschätzungen geprägt werden.

Mit "WLAN, Beinfreiheit und Co.: Mehr Komfort in neuen Zügen" beschäftigt sich:

www.bwegt.de - zu Komfort in neuen Zügen

"...genug Platz – auch für große Radlergruppen. Kinderwägen und Rollstühle haben ihre eigenen, großzügigen Stellplätze..." steht da und es wird ein Blick in einen Mittelwagen mit Universal-WC (passend zum o.a. Interview) und einem einzelnen Fahrrad gezeigt.

Hierzu zwei Anmerkungen. Erstens muß man als Vertreter der Interessen von Behinderten sehr aufpassen, nicht dem modernen Werbe-Sprech aufzusitzen. Oft sind die Vorgaben und Regelungen ohnehin schon grenzwertig knapp bemessen (siehe oben bei Türbreiten für das Rolli-WC mal im Gebäude und mal im Zug) und dann strotzen manche Texte noch vor Euphemismen. Ob es wirklich genug Platz ist, hängt an der Gruppengröße und den übrigen Nutzern. Bei der Konstruktion wird bei der Fläche für die großzügigen Stellplätze um jeden Zentimeter gefeilscht. Bei der Rhein-Neckar-Tram endet in der überarbeiteten Version vom Januar 2019 - der von vielen umjubelten - der Wendekreis für einen Rollstuhl an der Sitzkante der Plätze davor - ohne Platz für die Füße des dort Sitzenden. Gemäß Zeichnung sind in unserem Mireo die Kinderwägen da eingezeichnet, wo die Fahrräder hin sollen und bei den beiden Rollstuhlplätzen sind auch zwei Fahrräder vorgesehen. Die Trennung in unseren neuen Zügen folgt also anderen Gesichtspunkten.

Zweitens: Züge des abgebildeten Typs gibt es auch bei der S-Bahn um Leipzig. Ab etwa drei Fahrrädern war das WC im Rollstuhl nicht mehr erreichbar. Reale Fahrräder sind wohl wie reale Rollstühle etwas klobiger als das, was in solchen Abbildungen gezeigt wird. Bei der S-Bahn Rhein-Neckar hat man erkannt, daß bei solcher Fahrrad-Abstellung die Fenster verschrammen:

www.bwegt.de - Bild Mehrzweckbereich

Immerhin gibt es in der Abbildung (das ist kein Mireo) zwei Rollstuhl-Plätze, bei denen man gegen die Fahrtrichtung des Zuges stehend mit dem Rückenteil des Rollstuhls an einer Haltevorrichtung gesichert die Fahrt verbringen kann. Allerdings ist der Zugriff auf Taschen hinten am Rollstuhl für Mitreisende des Typs "flinker Finger" ungehindert möglich. Unter welchem Winkel fährt man ins Rolli-WC und wieder raus? Wenn der Gang entlang des Universal-WC recht eng ist, kann die Rollstuhlfahrerin gewöhnlich im Universal-WC wenden. Auch an den Umkehrschluß sollte gedacht werden. So ein Mehrzweckbereich hat viele Eigenschaften, die sich auf die Möglichkeiten seiner Nutzung auswirken. Der Dateiname verrät, wo Schwerpunkte gesehen wurden.

Wieder bezogen auf den Mireo für die S-Bahn: die ersten Mireo-Züge für das Rheintal gibt es schon, vermutlich ist das Universal-WC gleich aufgebaut...

Spaltproblematik, Schiebetritt und Einstiegshilfen

Übrigens, wo es schon um Details geht: manche Menschen verstehen unter Schiebetritt gleich Spaltüberbrückung. Eine solche Gleichsetzung ist übertrieben. Bei einer Spaltüberbrückung führt die Brücke vom Bahnsteig in das Fahrzeug, über die Bahnsteigkante und die Einstiegskante des Fahrzeugs hinweg. Der Spalt zwischen Einstiegs- und Bahnsteigkante hat die Ausprägungen horizontal und vertikal. Es gibt also einen Abstand und einen Höhenunterschied, an die gedacht werden muß. Ein Schiebetritt ist nur ein ausfahrbares Trittbrett. Wenn Bahnsteighöhe und Einstiegshöhe des Fahrzeugs übereinstimmen und der Schiebetritt bis an die Bahnsteigkante ausfährt, dann ist der Weg darüber noch immer nicht zwangsläufig frei von Unebenheiten. Bei Bahnsteigen in Kurven ergeben sich immer Lücken. Bahnsteige in Kurven sind hinsichtlich der Barrierefreiheit bekanntlich problematisch. Der einst modernste Bahnhof Europas - Ludwigshafen (Rhein) Hauptbahnhof - hat davon reichlich. Dort an Gleis 1 und 2 hält die Linie S6, die künftig von Mireos gefahren wird. Wie groß wird der Spalt dort sein, von wo man einen Blick in Richtung der S-Bahn Werkstatt werfen kann und die Schiebetritte gewartet werden?

Bevor jemand nun auf Eigenarten in der Pfalz abstellt: In einem Videoclip von Zügen an der Hochrhein-Strecke sieht das so aus:

youtu.be - Video-Clip Schiebetritt

Deren Einsatz dort erfolgt auch erst seit kurzer Zeit. Am gezeigten Halt stimmen Einstiegshöhe und Bahnsteighöhe in der gezeigten Situation nicht zueinander. Es kommt übrigens auf die tatsächlichen Verhältnisse an, nicht auf Einträge in Datenbanken oder Planungsunterlagen - dieser kleine Unterschied sorgt manchmal für weitere unangenehme Überraschungen. Siehe Erfahrungen im Großraum Stuttgart mit den Änderungen ab Juni 2019.

Darf sich eine ausgelegte Rollstuhl-Rampe bei zu niedrigen Bahnsteigen auf einem ausgefahrenen Schiebetritt aufstützen? Wenn nicht, dann sollte das in der Schulung für das Zugpersonal vermittelt werden und auch, in welcher Reihenfolge Türen sperren, Schiebetritte einziehen und Rolli rein oder raus lassen tatsächlich ablaufen soll. Bei Triebwagen des Typs Lint erinnere ich mich an reichlich Verzögerungen im Betriebsablauf, weil die Technik anders arbeitete, als die Einweisung vorgesehen hatte.

"Probleme mit den Schiebetritten? War da nicht was?" Das steht in Anspielung an die S-Bahn Stuttgart in einem Zeitungs-Artikel unter

www.zvw.de - Zeitunsartikel zu Schiebetritt-Problemen

Die aktuellen Probleme bestehen bei neu gelieferten Triebzügen vom Hersteller Stadler, der mit den fraglichen S-Bahn Triebwagen der Baureihe 430 (Alstom, Bombardier) nichts zu tun hat, doch das Funktionsprinzip ist auch bei anderen Herstellern und deren Zulieferern vergleichbar.

Bei Go-Ahead funktionierten bei den neu gelieferten Triebzügen die Schiebetritte beim Betriebsstart im Juni 2019 nicht. "Dort, wo nicht zwingend der Schiebetritt ausgefahren werden muss, wird dieser auch nicht mehr ausgefahren" stand unter https://www.go-ahead-bahn.de/news/go-ahead-am-mittwoch-betrieb-hat-sich-stabilisiert/ (zuletzt abgerufen am 10. Juli 2019, inzwischen nicht erreichbar).

Vergleich zu bisherigen Zügen der S-Bahn Rhein-Neckar

Wenn man zu Neuem etwas sagen will, sollte man das Alte kennen. Wie sieht die Einstiegssituation aktuell bei der S-Bahn Rhein-Neckar aus? Ok, das wissen diejenigen unter den Behinderten, die da auch mitfahren. Als Text auf der Website sieht das so aus:

"Komfortabler Einstieg - Die erste Tür an der Spitze des Zuges ist besonders auf die Bedürfnisse von Rollstuhlfahrern abgestimmt. Hier kann der Triebfahrzeugführer eine Überfahrhilfe anlegen, so dass Sie mit Ihrem Rollstuhl bequem hinein- und hinausfahren können. Dazu befinden sich außen und innen in ca. 85 cm Höhe Ruftasten, um den Fahrzeugführer auf den Einstiegswunsch mit Rollstuhl hinzuweisen. Weit öffnende Doppelschwenkschiebetüren (1300 mm Breite) bieten einen niveaugleichen stufenlosen Einstieg. Zusätzliche Ausklapptritte reduzieren den Spalt zwischen Bahnsteig und Fahrzeug auf 13,4 cm." Ein erstaunlicher Wert, in mancherlei Hinsicht (Präzision und Größe). Wie war niveaugleicher Einstieg doch gleich definiert? Der besonders aufmerksame Leser erinnert sich, man kann auch oben auf der Seite oder der TSI-PRM noch mal nachsehen.

Manch Rollstuhlfahrer erinnert sich daran, daß hinter dem langen Türblatt mancher Züge feste Stufen auf ihn lauern. Diese Version der Baureihe 425 ist allerdings mehr als RB denn als S-Bahn hier in der Region anzutreffen. An der ersten Doppeltür gibt es einen Lift, der erst in Richtung Bahnsteig geschwenkt und dann oft nur als Überfahrhilfe ausgeklappt wird. Je nach Bahnsteig setzt dieses Gerät aber frühzeitig auf und läßt sich so nicht ausklappen. In Heidelberg Hauptbahnhof rief ein Rollstuhl-Fahrer mal "nur ein Stück vor fahren, da geht es", doch das ist betrieblich --- schwierig.

www.s-bahn-rheinneckar.de - Einstieg im Rollstuhl

Abgesehen von Begriffen wie Ausklapptritt (eben nicht Schiebetritt) und Überfahrhilfe (nicht immer Rampe oder gar Klapprampe (gibt es z.B. beim Bus) sagen) erfährt man als wichtige Vorgabe: "Einstieg vorn". Das ist beim Mireo nicht mehr so. Die Rollstuhlplätze sind in der Mitte des Triebzuges. Natürlich stehen manche Rollstuhl-Fahrer*innen gern quer auf der Plattform. Es ist ja noch nichts passiert. Andere standen erst quer zur Fahrtrichtung und dann in der Zeitung, weil der Rollstuhl gekippt ist. Wie auch immer, sicherer ist es, den Rollstuhl so abzustellen, wie es Normen beim Bus und auch bei Bahnen vorsehen.

Das dort verwendete Bild

www.s-bahn-rheinneckar.de - Bild Einstiegshilfe

zeigt eine ausgelegte Faltrampe (Überfahrhilfe) an einem Bahnsteig, der von der Höhe her zur Einstiegshöhe des Triebzugs paßt. Auch der kleine Ausklapptritt ist schon ausgeklappt zu sehen. Für Lokal-Patrioten aus Mosbach: der Triebzug trägt den Namen Eurer Stadt.

"Im Wageninnern stehen in den Mehrzweckbereichen an der Zugspitze ausreichend Flächen für Rollstuhlplätze zur Verfügung" schreibt die DB Regio und "Jedes Fahrzeug verfügt über eine behindertengerechte Toilette". Allerdings ist der Durchgang im Rollstuhl durch das Fahrzeug nicht möglich und das einzige WC befindet sich in einem der beiden Endwagen eines vierteiligen Triebzuges. Manchmal ist man bei Einstieg vorne eben nicht ansatzweise in der Nähe des WC. Beim Mireo befindet sich das Universal-WC bei den Rollstuhlplätzen. Veränderung kann auch Verbesserungen beinhalten.

Allerdings wird es nicht so einfach, sich frühzeitig am Bahnsteig richtig aufzustellen, denn mancherorts fahren dann die bisherigen und gleichermaßen die neuen Züge. Auch der Weg für Triebfahrzeugführer zum Auslegen der Rampe wird länger. Das führt am Ende zu Verzögerungen im Betriebsablauf. Ich erinnere mich lebhaft an einen Verlad mit Hublift in einen IC, aus dem die Durchsage zu hören war: "Die Abfahrt verzögert sich wegen dem Einladen eines Rollstuhlfahrers." Und ich saß auf dem Bahnsteig in meinem Rollstuhl und wartete auf den Hublift, der noch am anderen Ende des Zuges beschäftigt war. Blödes Gefühl, die Mehrzahl der Rollstuhlfahrer*innen will nicht Grund für Verspätungen sein. Für die Mehrzahl der Mitreisenden hängt eine Verzögerung beim Einstieg von Behinderten an den Behinderten und nicht an technischen oder organisatorischen Unzulänglichkeiten. Gut für Aufgabenträger: denen ordnet man das noch weniger zu als den Herstellern, die beim Bau die Vorgaben der Aufgabenträger umzusetzen haben.

Hinsichtlich des Begriffs "ausreichend Flächen für Rollstuhlplätze": Veröffentlichungen von EVU des Inhalts, deren Fahrzeuge hätten unzureichende Flächen bitte aufheben, die wären interessant für eine Sammlung von Kuriositäten.

Und was kann man zu solchen Fragen über die neuen Zügen finden?

"Für mobilitätseingeschränkte Fahrgäste besteht rampenfreier Zugang zum Universal-WC" steht in einer Pressemitteilung von Siemens vom 06. Dezember 2018. Vielleicht klingt das in den Ohren von Unbedarften gut, doch was bedeutet das inhaltlich? An der Tür in das auch für Rollstuhlfahrer*innen nutzbare WC gibt es weder Stufen noch eine Rampe, sondern nur eine Türschwelle. Etwas anderes wäre auch mit der TSI-PRM nicht vereinbar. Vom Einstiegsbereich zum Rollstuhlplatz gibt es eine Rampe (Gefälle). Im Mittelgang im Fahrzeug gibt es sogar Stufen.

"Mindestens 10 % der Sitzplätze je Triebzug/Reisezugwagen und je Klasse sind als Vorrangsitze für Menschen mit Behinderungen und Menschen mit eingeschränkter Mobilität zu kennzeichnen" steht in der TSI-PRM. In der Zeichnung gibt es mit "P" gekennzeichnete Sitze, doch der Weg von dort zum Universal-WC führt stets über Stufen und Rampen im Mittelgang, ist also keineswegs rampenfrei. Das Versprechen des rampenfreien Zugangs zum Universal-WC für Mobilitätseingeschränkte ist eine feine Sache, doch offenbar müßten diese Personen nicht auf den für sie gekennzeichneten Sitzen Platz nehmen...

Sowohl beim Mireo Rheintal als auch beim Mireo S-Bahn Rhein-Neckar sind Prioritäts-Sitze nur in den Endwagen eingezeichnet. Zum Universal-WC im Mittelteil führt der Weg entlang des Mittelgangs stets über Stufen und besagte Rampe.

Aufgabenträger, Wettbewerb

Die Website der Bundesarbeitsgemeinschaft der Aufgabenträger des SPNV e.V. ist zu finden unter

bag-spnv.de - Startseite

Dort gibt es eine Übersichtskarte zu den Wettbewerbsnetzen im Deutschland. Wer meint, die DB in Form der DB Regio wäre doch überall bestimmend, der dürfte sich wundern:

bag-spnv.de - Karte Aufgabenträger / EVU

und

bag-spnv.de - Karte Aufgabenträger / Wettbewerbsnetze

Eine Arbeitsgruppe "Fahrzeuge" gibt es als eine von zehn, eine Arbeitsgruppe nur für Barrierefreiheit gibt es nicht. Aufgabenträger gibt es viele.

Wie ist das mit Rheinland-Pfalz?

Der Zweckverband Schienenpersonennahverkehr Rheinland-Pfalz Süd ist im Internet zu finden unter

www.zspnv-sued.de - Startseite

und zum Thema S-Bahn Rhein-Neckar gibt es Informationen unter

www.zspnv-sued.de - zu S-Bahn Rhein-Neckar

Beim Stöbern erfährt der geneigte Leser auch so etwas wie "Neue Elektrotriebwagen zwischen Mainz und Bingen ab 12/2020 - Die Kosten für die als Ersatz vorgesehenen sechs Elektrotriebwagen des Typs Mireo der Firma Siemens werden dabei vollständig durch den Nahverkehr Rheinland und den Zweckverband Nord übernommen. Diese Züge kommen ab 12/2020 zwischen Mainz und Bingen zum Einsatz, sind nahezu baugleich mit dem künftigen S-Bahnfahrzeug auf der S 6 Mainz–Worms–Mannheim, das ab 12/2021 die heute dort eingesetzten Elektrotriebwagen ersetzen wird und sind somit auf dem neuesten technischen Stand." (zu 59. Verbandsversammlung am 17. Mai 2019) Was die Behinderten hier in der Region erreichen können, wird sich auch andernorts auswirken. Was versemmelt geht - auch.

www.der-takt.de - zu Mireo Mittelrheinbahn

Rolph ist die neue Marke für Mobilität in Rheinland-Pfalz. Auf

www.rolph.de - Startseite

gibt es allerdings derzeit wohl keine Informationen zu diesem Themenkomplex. Rolph ist noch damit beschäftigt, bekannter zu werden.

Siemens über seinen Mireo

Beim Hersteller Siemens gibt es als Einstieg diese Seite zu den Mireo-Triebzügen:

new.siemens.com - Seiten zum Mireo

Auf der Seite gibt es auch mit "Start Your Mireo Experience" den 360°-Blick in verschiedene Teile eines solchen Zuges. Das ist allerdings nicht als Video gefilmt sondern aus Daten erzeugt. Übrigens: manchmal lädt die Seite nicht, erneut probieren hat bei mir mehrfach geholfen.

Auch bei den Presse-Bildern könnte man bei Bedarf stöbern. Zur Version für die S-Bahn hier sollte man aber noch nicht viel erwarten.

Weitere Informationen zum Mireo

Wir haben es mit dem Ergebnis einer Ausschreibung des Landes Baden-Württemberg, des Zweckverbands Schienenpersonennahverkehr Rheinland-Pfalz Süd (ZSPNV RLP Süd) sowie des Verkehrsverbunds Rhein-Neckar GmbH (VRN) zu tun. Folglich dürfte es schon Anfragen im Landtag gegeben haben. Und siehe da:

www.landtag.rlp.de - Antwort zur Linie S 6

Stichwort Fahrradmitnahme: bei den bisher eingesetzten Triebzügen der Baureihe 425 ist die Mitnahme von bis zu 16 Fahrrädern vorgesehen. Beim Mireo in der Version für die S-Bahn Rhein-Neckar sind es 26.

Stichwort Fahrzeugreserve: es sind 15 Prozent der in der Verkehrsspitze vorgesehenen Fahrzeuge vorgesehen. Rechnerisch müssen also stets 50 Triebzüge verfügbar sein. Die Wartung erfolgt im Werk Ludwigshafen der DB Regio.

Von der Mireo-Version für das Rheintal gibt es einen Video-Clip von der Fahrt auf der Test-Strecke bei Velim (Tschechien, östlich von Prag) im April 2019 unter

youtu.be - Video-Clip Mireo Rheintal in Velim

Wer genau hinschaut, sieht große, gelbe Fahrrad-Symbole neben allen vier Fahrgasttüren - und an einer zusätzlich ein Rollstuhl-Symbol. So "lenkt" man Fahrräder auch zu den beiden einzigen sicheren Plätzen für Rollstuhl-Fahrer*innen im Zug. Wie das wohl bei der S-Bahn Rhein-Neckar aussehen wird, dort gilt ein anderes Außen-Design. Später mal sehen? Besser früher mal fragen, wäre eine Position für die Unterstützer von Behinderten.

Auf der Teststrecke im Prüfcenter Wegberg-Wildenrath wird ebenfalls getestet. Das erste von acht Vorserienfahrzeugen wurde am 06. Dezember 2018 fertiggestellt. Vor der Inbetriebnahme absolvieren diese Züge ein umfangreiches Testprogramm.

Auch um Augsburg herum - bis Aalen, Ulm, Würzburg und München - sind 44 dreiteilige elektrische Triebzüge vom Typ Mireo vorgesehen. Betreiber ist Go-Ahead. Der Start des Fahrgastbetriebs ist zum Fahrplanwechsel im Dezember 2022 geplant, also nach unserem hier. Dort sind 18 Fahrräder pro Zug vorgesehen und es ist zusätzlich ein Hublift für Rollstuhlfahrer an Bord.

www.go-ahead-bahn.de - zu Mireo für Go-Ahead

Während der Konstruktionsphase gab es Besprechungen in Erlangen. Die Fahrwerke der Triebzüge für das Rheintal kommen aus dem Siemens-Werk in Graz. Montiert wird in Krefeld. In der Auslieferungsphase ist das Prüfcenter Wegberg-Wildenrath im Spiel.

Details für die Ausstattung sind nicht so leicht zugänglich. Im Mireo Rheintal stammen Fahrgastinformationsdisplays, Zugbeschallungsanlage und Fahrgastsprechstelle vom Hersteller GSP. Ein Beispiel: Per Text-to-Speech werden Botschaften vom DB-Backoffice in automatische Ansagen umgewandelt.

www.gsp-berlin.de - PDF Informationssystem im Mireo

Das System zur Branderkennung mit Ansaugrauchmeldern liefert Wagner Rail. Wie so viele andere Elemente dürfte es in der Wahrnehmung der Fahrgäste unbemerkt bleiben und die Optik des Innenraums nicht stören (wen das interessiert: siehe Seite 9 in der verlinkten PDF).

www.wagnergroup.com - PDF Rauchmelder im Mireo

Stichwort Vernetzung

Zu neuen Triebfahrzeugen gehört weitaus mehr als das, was uns hier an Aspekten der Barrierefreiheit interessiert. Gleichwohl muß es auch darum gehen, daß die Belange der einzelnen, unterschiedlichen Nutzergruppen nicht untergehen. Die Erfahrung am Beispiel der RNT 2020 lehrt, daß nicht einmal die Einschätzung zu "Stufen in Gängen aus Sicht der Allgemeinheit" (nicht etwa speziell aus Sicht der Behinderten) von allen Konstrukteuren und mehr noch deren Auftraggebern von vorn herein zutreffend erkannt und berücksichtigt wird.

Bei der Erreichbarkeit von Rollstuhl-Plätzen (Machbarkeit der erforderlichen Fahrmanöver) und den Merkmalen von Plätzen für Menschen mit Hilfsmitteln wie Rollatoren ist das keineswegs anders. Kürzlich wurde ich durch einen Schriftwechsel mit einem Autor zu lesenswerten Artikeln (u.a. Fachzeitschrift "V+T Verkehr und Technik", Artikel "Vollständige Barrierefreiheit im straßengebundenen Personennahverkehr – Zielstellung und Realisierung", nicht online verfügbar) bezüglich seiner Recherchen zur Barrierefreiheit in Nahverkehrsplänen darauf aufmerksam, daß sogar renommierte Fachgutachter zumindest unvollständige Angaben zu solchen Themen in die Welt setzen (Danke für den Hinweis).

Bei der genannten Tram hatte ich an Merkmale für den Platz von Begleithunden erinnert - und wurde belächelt ("Jetzt steig ich aus" war ein Kommentar, vermutlich ist da die eigene Phantasie mit jemandem durchgegangen). Kürzlich habe ich ein wenig in Stellungnahmen zu einem Workshop im Zusammenhang mit einem "Gutachten zur vollständigen Barrierefreiheit im straßengebundenen ÖPNV" zur Vorbereitung für den künftigen Nahverkehrsplan für Bremen gelesen: "Eine sehbehinderte Teilnehmerin merkt an, dass häufig nicht genug Platz für Assistenzhunde vorhanden sei. Der vorgesehene Vierersitz sei nicht groß genug, zumal der Raum unterhalb der Sitze z.T. durch technische Anlagen belegt sei" (Seite 5/9 im Protokoll). Viele weitere Ideen wurden da vorgebracht - die Mehrzahl kommt mir aus unser Region durchaus bekannt vor.

Noch ein Zitat aus einem Workshop: "Es wird vorgebracht, dass es nicht ausreiche, Mindeststandards umzusetzen" (das basiert darauf, daß die Normen selbst in manchen Fällen keineswegs das vorgeben, was in der Praxis für die betroffenen Behinderten notwendig wäre) mit der geradezu typischen Erwiderung "Bei Zielkonflikten sei allerdings eine Abwägung erforderlich".

Abwägungen sind übrigens keine Kompromisse, sie kommen anders zustande. Der Wikipedia-Artikel zu Kompromiss beginnt mit "Ein Kompromiss ist die Lösung eines Konfliktes durch gegenseitige freiwillige Übereinkunft". Kompromisse sind an sich nicht verkehrt, nur faul dürfen sie bekanntlich nicht sein. Zum Sitzen zu enge Sitzplätze statt Stehplätzen oder gar einfach nutzbaren und sicheren Rollstuhlplätzen, welche beteiligten Seiten kommen denn zu so einem "Kompromiss"? Informierte Fahrgastbeiräte und Behinderten-Organisationen eher nicht. Vermutlich war es nur eine (interne) Abwägung ohne die Beteiligung der Nutzer-Gruppen. Ein Beispiel für zu kleinen Sitzabstand und die Kosten für den nachträglichen Ausbau von Sitzen zur Vergrößerung des Sitzabstandes findet sich im Wikipedia-Artikel zum Alstom Coradia Continental in der Version für den Fugger-Express (Kosten in dem Fall getragen von Bayern und DB Regio; übrigens kommen als Ersatz auch Mireos und ein anderes EVU, drum paßt dieses Beispiel zu einem Beitrag zum Mireo).

www.zvbn.de - Übersicht Workshops zum Gutachten

www.zvbn.de - PDF Protokoll Workshop Fahrzeuge II vom 27.06.2019

de.wikipedia.org - Artikel zu Alstom Coradia Continental

Mir ist schon klar: beim Mireo geht es um ein Fahrzeug für die S-Bahn, im genannten Workshop um völlig andere Fahrzeuge des ÖPNV. Allerdings ändert das wenig an den prinzipiellen Anforderungen an einem Platz für einen Begleithund oder einen Rollator.

Ein beim heftigen Bremsen einer Bahn - egal ob Straßen- oder Eisenbahn - umstürzendes Fahrrad ist an sich kein Problem für einen daneben stehenden leeren Kinderwagen, wohl aber für Rollstuhlfahrer*innen, die in ihrem Rollstuhl verbleiben und sehr wohl nicht nur zu den Be- sondern auch zu den Getroffenen gehören können. Kombinierte Flächen für Fahrräder und Rollstühle waren wohl auch beim Mireo für die S-Bahn Rhein-Neckar das Ergebnis einer Abwägung durch Nicht-Betroffene.

Vernetzung der Organisationen wie der AG Barrierefreiheit ist ein Schlüssel für die Übertragung von Qualitätsstandards im Sinne des Best Practice, nicht nur, wenn es um neue Fahrzeuge geht. Eine Unzahl von Aufgabenträgern wegen der letztlich oft gleichen, grundlegenden Anforderungen jeweils durch auf einsamem Posten kämpfende lokale Behinderten-Organisationen überzeugen müssen ist unproduktiv für alle Seiten, nicht zuletzt die Hersteller. Der konstruktive Dialog wird überdies oft zu spät begonnen, wenn nicht etwa nur ein Mock-Up sondern gar die ersten Fahrzeuge auf dem Hof stehen (Es ist zwar angeblich nie zu spät, für eine kostengünstige gute Lösung dann aber schon). Schlimmer noch: ab und zu kommt die Vorhaltung, eine augenscheinlich für Behinderte ungünstige Lösung wäre andernorts abgenickt worden... "Lieber ohne Euch über Euch" sollten wir nie akzeptieren.

Stichwort Präsentationen

Zum Abschluß noch etwas zum Stichwort Präsentationen. Bei den Behinderten-Organisationen auf regionaler oder lokaler Ebene ist schon das Vorhandensein eines handelsüblichen Beamers keine Selbstverständlichkeit und die Erstellung einer Bildschirm-Präsentation im Folien- oder Power-Point-Stil eine Hürde. "Lohnt sich das überhaupt" steht als Frage im Raum.

Um dem Mireo zu seinem Verkaufserfolg zu verhelfen, wurde für die Messe Innotrans 2016 aus einer ungeheuren Datenmenge ein Film-Erlebnis gebastelt, in das mehr als tausend Arbeitsstunden allein für die Post-Produktion gesteckt wurden.

www.prio-gmbh.de - zu Mireo/Innotrans 2016

Für die Deutsche Bahn AG gab es 2017 eine Präsentation zum Mireo auf dieser technischen Basis:

www.schneider-digital.com - zu Mireo-Präsentation bei DB in 2017

Die AG Barrierefreiheit braucht nicht nur die, die sich für die Problemstellung "Aspekte der Barrierefreiheit der Fahrzeuge" einbringen, auch im Bereich "Mediale Unterstützung" gibt es noch viel zu verbessern. Packen wir es an.

Schluß-Bemerkungen

Die Verlinkung wurde zuletzt am 12. Juli 2019 vollständig kontrolliert und der Text dieser Seite zuletzt am 21. Juli 2019 ergänzt.

Nachtrag: nach der TSI-PRM ist ein Rollstuhl bis zu 70 cm breit. Mein Rollstuhl liegt im zulässigen Bereich. Kürzlich zeigte sich an meinem Rollstuhl jedoch ein Defekt und die Reparatur war nicht so schnell - man sagt dazu möglich. Als Ersatz kam ein Leih-Rollstuhl mit etwa 73 cm Breite. Weil eine Zug-Reise bevor stand, half der nicht weiter, er wäre ja zu breit und ich will ja nicht anecken. Mal losgelöst von Normen überlegt: 73 cm plus zwei mal fünf für die Hände am Greifrad, wäre ich im noch nicht gebauten Mireo ohne Anecken der Fingerknöchel zum Rollstuhl-Platz oder in das auch für Rollstuhlfahrer geeignete Universal-WC gekommen?


(bk, 2019-07-21)

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