Thema Bahn & Barrierefreiheit

In letzter Zeit kommen immer wieder mal Mails von der Bahn, die mich zu mehr Reisen animieren sollen. Ich fahre oft mit Zügen. Allerdings bin ich als Rollstuhlfahrer doch von den Schlagworten erstaunt, mit denen die DB mich mit ihrem Newsletter locken will.

Ein Newsletter

Es ging so los: "Sehr geehrter Herr Kittendorf,
schade, dass wir Sie schon lange nicht mehr an Bord begrüßen durften. Vielleicht haben Sie ja Lust, wieder einmal mit uns zu reisen und die Vorteile des Bahnfahrens zu genießen. Mit uns kommen Sie immer entspannt an Ihr Ziel. So flexibel und kurzfristig, wie Sie es wollen. Lust bekommen? Dann überzeugen Sie sich von unseren Angeboten und Services...
"

Genießen, immer entspannt ans Ziel, flexibel und kurzfristig, da dachte ich bei mir: schreib etwas zurück.

Meine Mail vom 15.12.2019

Betreff: Re: Kein Interesse mehr an tollen Angeboten, Herr Kittendorf? - Wie steht es um die Barrierefreiheit der Bahn?

Sehr geehrte Damen und Herren,

mir ist schon klar, die DB ist ein großes, modernes Unternehmen. Schon deshalb wird sich vermutlich niemand mit dem Inhalt dieser Antwort-Mail wirklich auseinander setzen. Denn "wir sind ja so gut", auf unsere Kunden hören brauchen wir nicht. Zugegeben, bei den "kleinen" DB-Mitarbeitern sieht das nach meiner Erfahrung oft anders aus, doch auf die hört man erst recht nicht.

Welcher Ablauf führte denn zur Frage in der Betreff-Zeile des Newsletters, auf die ich mich beziehe? Im Jahresdurchschnitt bin ich etwa zwei Hin- und Rückfahrten pro Woche unterwegs. In Zügen, auch denen der DB. Viel für jemanden, der nicht Pendler ist. Die Entfernung schwankte zwischen ein paar Kilometern im Nahverkehr und der Strecke Frankfurt - Marseille und Mannheim - Wien über Zürich. Schade (um einen Begriff aus dem Newsletter zu wählen; Auszug davon siehe unten), daß viele Fahrten nicht gerade einen positiven Eindruck bei jemandem hinterlassen würden, der neutral aus gebührender Distanz zu Personen im Rollstuhl wie mir und zu den modernen EVU und anderen Beteiligten stehend die Abläufe nüchtern bewerten würde. Ohne ganz viel Interesse und Lust (noch so ein Begriff aus Ihrem Newsletter) am Bahn-Fahren wäre ich längst soweit irgend möglich auf andere Verkehrsmittel ausgewichen.

Allerdings interessiere ich mich seit meiner Jugend für das, was man heute unter ÖPNV, SPNV und Fernverkehr auf der Schiene versteht. Seit ich meinen Rollstuhl brauche, gilt das um so mehr für Themen wie Barrierefreiheit beim Bahn-Fahren und die Inklusion.

Ich schreibe etwas zu Mängeln an der App DB Barrierefrei - unstimmige Daten -, inhaltlich kommt über Monate keine Antwort. Von Zeit zu Zeit unternehme ich neue Anläufe, aktuell wurde wieder eine "Abgabenachricht" an mich geschickt, unklar an wen etwas weiter geleitet wurde.

Schließlich ist der Aufzug im Bahnhof Ludwigshafen Mitte zum Bahnsteig für Gleis 1 seit Monaten ein Trauerspiel - und beide Aufzüge im Bahnhof waren un-passend dazu aus der App ganz verschwunden. Der Hinweis oben am Bahnsteig für die dort mangels Informationen Gestrandeten (siehe Bild) ist etwas, daß die Schmierfinken auf dem Bahnsteig als "dumm + frech" bezeichnen. Wenn man - wie vorgeschlagen - bis Ludwigshafen (Rhein) Hbf fährt und für Hin- und Rückfahrt an die Züge der Linie S6 gerät, dann wird man das als Rollstuhlfahrer*in so schnell nicht vergessen. Der ewig langen Rampen ohne Absätze zu den Gleisen 1 und 2 des Hauptbahnhofs und des gewaltigen Spalts an den Bahnsteigkanten wegen. Klapptritte sind eben nur für manche Politiker und Entscheider "Spaltüberbrückungen", nicht aber für die Betroffenen. Ja, die Triebfahrzeugführer*innen legen auf Anfrage Rampen aus. Barrierefrei im Sinne des "ohne fremde Hilfe" ist um Hilfe bitten müssen nicht. Im Plan "Barrierefreiheit an Bahnhöfen und Haltepunkten in Rheinland-Pfalz Stand: März 2016" (also der aktuellen Version Ende 2019(!)) ist Ludwigshafen (Rhein) Hauptbahnhof doppelt grün eingezeichnet. Ein Grün für "Barrierefreier Zugang zu allen Bahnsteigen" und noch ein Grün für "Einstieg barrierefrei" (siehe www.der-takt.de).

Ein Zug für 76 cm Einstiegshöhe und ein Bahnsteig mit 76 cm Höhe sind bei großem, nicht überbrücktem Spalt nicht barrierefrei im Sinne des Behindertengleichstellungsgesetzes. Wer in einem Greifradrollstuhl die Rampe zu Gleis 2 hinauf vor sich hat, sieht vermutlich auch den barrierefreien Zugang als nicht gegeben, obwohl manche Menschen das durchaus schaffen werden. Ok, das Dokument stammt vom Zweckverband, aber DB Station und Service bietet da nichts besseres zu den eigenen Bahnhöfen.

Wer Englisch kann, der möge vergleichen, was der untere Abschnitt des Aushangs der DB Station & Service unseren fremdsprachigen Gästen vorschlägt (siehe ... Bild).

Bild vom Aushang am Bahnsteig für Gleis 1 in Ludwigshafen Mitte

Ärgert nur mich das alles? Auch der Behindertenbeauftragte der Stadt Ludwigshafen am Rhein hatte das Thema "Aufzug" in seinen Bericht bei der letzten Sitzung des Behindertenbeirats aufgeführt (siehe im Ratsinformationssystem der Stadt auf www.ludwigshafen.de). Inzwischen gibt es wieder eine Terminverlängerung um rund sechs Wochen bis zum 31.01.2020. Laßt die zahnlosen Tiger quatschen?!

Manche Menschen irritiert es, wenn mit "Ersatzteilmangel" argumentiert wird, während es beim Austausch einer verschlissenen Aufzugsanlage nicht voran geht.

Immerhin ist etwa zeitgleich mit der o.a. Abgabenachricht etwas Bewegung in den Vorgang gekommen. Beim Aufzug "zu Gleis 2/3" steht jetzt in den Daten "In Betrieb". Das war er vorher auch, nur wurde das nicht verraten. Nun sieht man mit flüchtigem Blick in der App fünf grüne Haken für vier funktionierende Rolltreppen (wie bisher) und nun noch für den einen funktionierenden Aufzug (siehe Screenshot). Grüne Welle, alles klar? Natürlich nicht. Es fehlt das rote Kreuz für den nicht nutzbaren Aufzug zu Gleis 1. Seit der zusammen mit seinem Sensor ausgebaut wurde, fehlt der Hinweis auf ein nun fehlendes Element für eine barrierefreie Reisekette. Das wurde im zugrundeliegenden Konzept wohl so nicht bedacht. Das Problem wird also auch andernorts auftreten. "Agil" entwickelt, zwar nicht sonderlich "quick" aber "dirty".

App DB Barrierefrei zum Bahnhof Ludwigshafen Mitte am 21.12.2019

Im Bahnhof Grünstadt hat es jetzt schon Jahre länger gedauert (Meldungen nicht nur im ZDF, sondern auch mit Überschriften wie "Feuerwehr ärgert sich: Zahlreiche unnötige Einsätze wegen Bahnhofsaufzug" (aus 2018) und "Grünstadt – Deutsche Bahn seit 6 Jahren zu blöd einen Aufzug zu reparieren" (auch aus 2018); Stand von heute auf www.bahnhof.de: beide Aufzüge "Außer Betrieb"). Die tagesaktuell-wirklichen Verhältnisse kenne ich allerdings nicht, denn das aus der Anzeige einer DB-App abzuleiten, wäre voreilig. Keine Ahnung, wie oft ich in den letzten Jahren mit der RB weiter nach Ramsen oder Eiswoog und im gleichen Zug wieder zurück nach Grünstadt gefahren bin (das dauert etwa eine Stunde), nur um vom Gleis 5 zum Gleis 4 zu kommen, an dem ich allerdings die Rampe als Ausstiegshilfe benötige, weil der nicht wie der Mittelbahnsteig passend für alle dort halten Züge auf 55 cm erhöht wurde. Von einer dieser Touren stand etwas in der Zeitung des VdK. Ist aber schon Jahre her, Schnee von gestern und doch immer noch für die Betroffenen aktuell. "... entspannt an Ihr Ziel..." steht im Newsletter. Andere regen sie wegen ein paar Minuten Verspätung auf.

Zweckverbände tagen, doch das hat einen anderen Zweck. Ausschreibungen besprechen für den SPNV, "Belegte" essen und Saft trinken, doch kein Rollstuhl-WC für einen Zuhörer der öffentlichen Sitzung im Gebäude. Es klemmt nicht nur an den Bahnhöfen und in den Zügen. Mangelnde Barrierefreiheit gibt es noch an vielen Stellen und bremst die Beteiligung durch Behinderten-Organisationen aus.

Kürzlich hörte ich den Vorschlag, eine Gruppe von mehreren Behinderten, darunter vermutlich (mindestens) sechs Rollstuhlfahrer*innen, könnten sich einen Sachverhalt vor Ort ansehen. Mit dem Zug wären das auf einer Teilstrecke ein ICE oder IC, dann ein oder zwei Abschnitte mit Regionalzügen und der Rest in einem Linienbus, teils nochmals mit Umstieg. Für Laufende sind Hin- und Rückfahrt an einem Tag bei etwa vier Stunden Aufenthalt locker zu schaffen, die Reisezeit liegt bei knapp vier bis knapp fünf Stunden je Richtung. Keine dieser Verbindungen ist für einen Rollstuhlfahrer realistisch nutzbar. Sechs Rollstuhlzimmer für eine Übernachtung in einer wenig zentralen Gegend sind auch nicht leicht zu finden, ebenso wenig Rollstuhl-Taxis. Außerdem sind vermutlich auch noch andere Rollstuhlfahrer unterwegs. So üppig wie in Pressemeldungen dargestellt, sind die Rollstuhlplätze nicht wirklich vorhanden.

Ich stoße mir am unterfahrbaren Tresen an der neumodischen DB Information 4.0 erst in Frankfurt (Main) Hauptbahnhof das Knie, weil man bei der Konstruktion die absolute Untergrenze aus einer Norm umgesetzt hat, obwohl dafür keine technische Veranlassung/Notwendigkeit gegeben war. Ich mache darauf aufmerksam (genauer: ich sage etwas, daß die Zuständigen nicht erreicht oder interessiert und staune auf Youtube über die Albernheit, wie die Info-Kisten gebastelt wurden) und bekomme in Mannheim Hbf auch so ein "Ufo" hingestellt, bei dem ich mir - würde ich nicht quer vor den unterfahrbaren Tresen fahren, auch wieder das Knie stoßen würde. Angeblich wären Behindertenverbände beteiligt worden. Schauen Sie sich nach den Video-Clips um, die erklären vieles.

Bei einer Besichtigung für die regionale Arbeitsgemeinschaft Barrierefreiheit vor Ort hatten beide teilnehmenden Rollstuhlfahrer Probleme mit dieser zu geringen Höhe, zwei zufällig vorbei kommende andere Rolli-Fahrer auch. Vermutlich kommt jemand auf die Idee, es wäre formal in Ordnung wegen der ">=67 cm" aus der Abbildung eines Waschtischs in einer DIN-Norm. Vermutlich kennt jemand auch mehrere Rollstuhlfahrer, für die das kein Problem ist. Das Argument würde bestimmt auf manche Menschen Eindruck machen, daher wird gerade das Letzte oft in beliebigem Zusammenhang verwendet.

Nebenbei angemerkt: Es läßt Schlimmes befürchten, wenn Planungsverfahren - wie von der Politik angedeutet - beschleunigt würden, dann gäbe es solchen Murks sicher öfter und auch in Bereichen, bei denen es nicht "bloß" um Barrierefreiheit für Behinderte geht.

Bei einem Gespräch zu neuen Fahrzeugen für die S-Bahn Rhein-Neckar wurde kürzlich nach den zuvor beteiligten Behindertenverbänden gefragt. Natürlich gibt es Lastenhefte von Aufgabenträgern. Also konkret - welche Organisationen (Mehrzahl) der Behinderten waren es? Schließlich wurde auf eine Person verwiesen, die nicht nur in einem Fahrgastbeirat Mitglied, sondern auch Rollstuhlfahrer und in einer kleineren Stadt weit außerhalb des Einsatzbereichs der bestellten Triebzüge Behindertenbeauftragter und Mitglied in mehreren Vereinen wäre. Na dann ist ja alles gut? An anderer Stelle war zuvor zu hören, auch Vertreter der Blinden wären gefragt worden. Ein wichtiger, zwar nicht die aus dieser Region, aber immerhin. Bei der Eröffnung der S-Bahn damals hier in der Region gab es - nachträglich, da war nichts mehr grundlegend zu ändern - Gespräche, Listen mit Mängeln aus Sicht der Betroffenen und eine Wunschliste für die folgende Generation. Auch außerhalb der Archive der Behinderten findet man Hinweise darauf, zum Beispiel in einem Buch zu den elektrischen Nahverkehrstriebwagen der DB aus dem EK-Verlag. Wie auch immer, sowohl die DB in Form der DB Regio Mitte als auch einer der Aufgabenträger, hier der VRN, wußten vorher über den Gesprächsbedarf Bescheid. Die frühzeitige Beteiligung der Behinderten kommt immer wieder zu kurz.

Bei einer öffentlichen "Probefahrt" mit einem anderen neuen Nahverkehrstriebzug verblüffte ich die beiden Eisenbahner kürzlich mit der Frage, ob ich in der Universal-Toilette mal eine Handvoll Wasser auf den Boden schütten dürfte. Nach ihrem neugierig-zögernden Ja meinten beide, der nasse Bodenbelag sei für sie in ihren Schuhen "sehr rutschig". So hatte ich das mit feuchten Schuhen auch empfunden. Vermutlich ist der Bodenbelag normgerecht, darf aber nicht naß werden. Keine Panik, das Wasser wurde aufgewischt, dann ist ja alles wieder gut, oder?

DB Fernverkehr wäre es, für den die Bahnsteige 76 cm hoch sein müßten, weil die Züge darauf optimiert wären. Der Ein- und Ausstieg geht im Rollstuhl (bis auf den IC2) an den jeweils "richtigen" Bahnsteigen nur mit fremder Hilfe. Selbst langfristiges Buchen und Anmelden führt nicht immer dazu, daß das wunschgemäß geht, so meine Erfahrung.

Ich lese interessiert vom ICE 4, bei dem erstmals Rollstuhlfahrer nicht mit einem Hublift auf dem Bahnsteig in den Zug verladen werden, sondern mit einem fahrzeugseitigen Lift, denke an die schon ältere ICE-Baureihe 407 und daran, daß ich mit dessen Lift auch nur ganz selten in den Zug geladen wurde. Zu langsam, zu anfällig. Auch beim ICE 4 wurde bei meinen bisherigen Fahrten fast ausschließlich der Hublift auf dem Bahnsteig verwendet.

In einem ICE - allerdings einem ohne eigenen Lift - wurde ich schon mal vom Zugbegleiter informiert, ich würde am Zielbahnhof - stunden später - nicht ausgeladen und müsse eine Station weiter fahren, weil kein Personal für den Lift auf dem Bahnsteig verfügbar wäre. Deutlich dichter vor Berlin kam dann auf dem gleichen Weg die Nachricht, es ginge auch am Endbahnhof nicht, weil kein Personal für den Lift da wäre und überdies der Aufzug defekt sei. Wieso ich denn eingestiegen sei? Eingeladen trifft es wohl eher. Verladen auch. Wie angenehm ist so eine Reise-Situation? Gebucht und angemeldet war die Fahrt lange vorher. Allerdings saß ich in einem anderen Zug, weil "meiner" als Ersatz-IC ohne Rollstuhlplatz unterwegs war.

Nicht funktionierende Toiletten im Zug ärgern alle. In Saarbrücken Hauptbahnhof war es eine blaue Baustellen-Toilette ohne Wasseranschluß (also ohne Waschmöglichkeiten), die ich auf dem Bahnhofsvorplatz vorfand, nachdem im Zug schon "nix" war. Das bescherte mir in diesem Fall einen Gutschein, doch die WC-Situation zu verbessern spart man sich. Nein, ich schreibe nicht wegen jedem defekten und in der App als funktionsfähig bezeichneten Aufzug und jedem WC im Zug das nicht nutzbar war, gleich eine Mail.

Rollstuhl-Toilette auf Vorplatz Saarbrücken Hbf am 15.10.2019 Rollstuhl-Toilette Saarbrücken Hbf am 15.10.2019 - innen

Ich schreibe oft nichts dazu, wenn wie zuletzt mein Ausstieg in Düsseldorf Hbf "abgelehnt" wurde und ich mit dem Nahverkehr aus Duisburg wieder zurück fahren mußte. Wie viele Behinderte sehe ich eine "Mitschuld", weil eine kurzfristige Änderung in der Reiseplanung erfolgte. Daß ich ohnehin nicht im gebuchten Zug saß, hing daran, daß der ausgefallen war und der Ersatzzug keinen Rollstuhlplatz hatte. Laufende Fahrgäste würden einfach aussteigen, wenn sie vor dem ursprünglichen Fahrtziel raus wollen. Ich kann das nicht.

Ich schreibe nichts im Detail über Zugbegleiter, die mit der ausfahrbaren Rampe ihres Doppelstock-Steuerwagens nicht klar kommen (incl. der Folgen für mich) und von den Fahrgästen, die sich auf reservierten Rollstuhl- und Begleiterplätzen breit machen und nur in Zeitlupe und widerwillig die Plätze räumen. Praktisch ist der Zug dann längst auf der Strecke und ich habe die wacklige Situation auf den Weichen im Ausfahrtbereich des Bahnhofs irgendwo quer im Gang stehend hinter mir. Von der Durchsage in einem IC, die ich auf dem Bahnsteig stehend hörte, die Abfahrt des Zuges würde sich wegen dem Einladen eines Rollstuhlfahrers noch verzögern, während die Blicke zahlreicher Fahrgäste auf mich gerichtet waren, habe ich hingegen schon oft erzählt. Auch von meinem großen Ärger mit einem Einladhelfer in Stuttgart Hbf vor Jahren. Die Durchsage in einem Ersatz-IC ohne Rollstuhl-WC, in den er mich eingeladen hatte, lautete auf "die Abfahrt wird sich um unbestimmte Zeit verzögern". Von der Sonne aufgeheizter Zug, trinken müssen und kein WC und kein Zeit-Horizont für die Abfahrt, da wollte ich wieder raus. Ich solle mich nicht so haben, die normale Toilette sei für die anderen gut genug und müsse auch mir genügen - vor zahlreichen Mitreisenden geäußert - war einer dieser wenig sensiblen Ausreißer, von denen Betroffene untereinander immer wieder berichten. Der nutzlose Helfer ließ mich im Zug, von meinem Anfall bekam er vermutlich nichts mehr mit. Eine Antwort der DB gab es damals nicht. Was sollte man dazu schon sagen? Inzwischen erinnern mich nicht mal mehr die Schrammen im Greifrad an diesen Einlad-Vorgang an einer zu engen Tür - meines wurde inzwischen getauscht.

Auf der Website der DB steht "Möchten Sie unsere Universaltoiletten an den Bahnhöfen nutzen? Dann brauchen Sie einen Euroschlüssel." Klingt gut, ich habe einen. Die einzige Behinderten-Toilette in einem Bahnhof im Saarland, die von der DB betrieben wird, die in Homburg (Saar) Hauptbahnhof, war bei meinem Besuch dort nicht mit dem Euroschlüssel nutzbar, sondern mit einem anderen Schlüssel gesichert. Der Mitarbeiter, der ihn laut Aushang haben soll, wurde von uns nicht gefunden. Genau das soll der einheitliche Schlüssel vermeiden. Die andere der beiden Behinderten-Toiletten in einem Bahnhof im Saarland, die in Saarbrücken Hbf, wird von SaniFair betrieben, war aber am gleichen Tag defekt und durch eine Toilette im Baustellen-Stil ersetzt (s.o.). Das Vorhängeschloß war nicht für den Euroschlüssel vorgesehen, gegen ein Pfand gab es einen Schlüssel an der DB-Information (zu den Bahnhofs-Toiletten dort siehe die Bundestags-Drucksache auf bundestag.de).

Warum ich nicht online buche und die albernen Online-Gutscheine nicht nutze, die mir wie ein Hohn vorkommen? Nur online nutzbar steht bei den Gutscheinen und Sie wissen vermutlich, daß Rollstuhl-Plätze nicht online buchbar sind. Die MUZ wird auch nicht berücksichtigt, sodaß ich dann die Einstiegshilfe "zu Recht" abgelehnt bekommen könnte und auf einer nicht umtauschbaren Fahrkarte sitzen bliebe. MUZ ist die Mindestumsteigezeit speziell für Mobilitätseingeschränkte, die nicht ohne weiteres online eingesehen werden kann und zu kuriosen Situationen führt. Vor Ort wurde ich schon ein paar Mal von den Ausstiegshelfern gefragt, wieso ich gemäß der Anmeldung nicht den normalen Anschlußzug nehmen würde. Na weil das bei der Anmeldung der Hilfeleistung abgelehnt worden sei, weil das Personal vor Ort das nicht schaffen könnte. Gilt erst recht bei Fahrten ins Ausland.

Reisen in der 1. Klasse in einem ICE 1 bedeutet für mich, Kaffee Latte in einem Glas bestellen können, Chili con carne aus richtigem Geschirr. In den anderen Zügen gibt es Einweggeschirr und viel Kunststoff, den ich lieber pauschal meide, als mir über immer wieder nicht richtig funktionierende Ausstattung im Bordrestaurant einen Kopf bezüglich der Folgen für den Abwasch zu machen. Ob ich lieber erster Klasse oder zweiter Klasse fahre, das entscheidet der Fahrplan und der tatsächlich eingesetzte Zug-Typ, denn Züge mit Rollstuhlplätzen in beiden Klassen sind nicht vorgesehen. Manchmal sitze ich im Ruhebereich, manchmal bei den Kleinkindern, manchmal bei den Smartphone-Zombies und soll mich jeweils anpassen. Wo ich sitze entscheidet der Fahrplan, denn Rollstuhlplätze gibt es (außer im IC) nur an einer Stelle im Triebzug. Beim IC kann ich versuchen, eine Reservierung nicht an der Pendeltür im Restaurant-Wagen zu bekommen, wo ich gewiß keinen Platz am Tisch haben werde.

Wo ich schon bei den Zugtypen von DB Fernverkehr bin: Wird der ICE 4 erst in www.bahn.de - rollstuhlstellplaetze.shtml aufgenommen, wenn die Serie vollständig abgeliefert ist und wieso erst dann?

Zu der Broschüre (siehe www.bahn.de - Broschüre reisen für alle) und der Anmeldung von Hilfeleistungen stellt sich mir die Frage, ob in der Neuausgabe endlich der Datenschutz bezüglich der Formulierung "Wir brauchen stets die folgenden Angaben von Ihnen ... Persönliche Daten Name, Vorname, Straße, PLZ/Ort, Telefonnummer, ggf. E-Mail-Adresse" (siehe dort auf Seite 19) berücksichtigt wird. All die Jahre war meine Postanschrift noch nie für die Anmeldung der Hilfeleistung relevant (Ziel: Datensparsamkeit).

Neue Züge werden bestellt, normgerecht nach TSI-PRM und doch mit vielen Merkmalen, die das Reisen für Rollstuhlfahrer*innen ohne fremde Hilfe oder gar "angenehm" keineswegs fördern. Normgerecht nach europäischen Vorgaben und doch nicht barrierefrei nutzbar nach den geltenden Gesetzen, das ist manchen Mitmenschen kaum zu vermitteln. Das führt nicht nur beim Kiss von Stadler für Schleswig-Holstein zu Irritationen. Und wäre da nicht zusätzlich die Norm-Abweichung mit dem zu kleinen Wendekreis, dann wären die Einwendungen abgebügelt worden.

Wer an den Weihnachtsmann glaubt, wird sich nun einfach die barrierefreie Bahn wünschen (abwarten und Jahr für Jahr wieder enttäuscht werden). Viele Behinderte denken "Wir vermissen sie" (abgewandelte Überschrift aus dem Newsletter, bezogen auf die Barrierefreiheit). Als Unternehmen im Besitz des Bundes sollte die DB aktiver auf das ja auch gesetzlich vorgegebene Ziel hinwirken. Schließlich hat die DB mit Station&Service und dem DB Netz allgemein einen ganz erheblichen Teil vom System Bahn ganz überwiegend allein in der Hand (Bahnsteige, Aufzüge, Einrichtungen in Bahnhöfen). Der Unsinn mit der App DB Barrierefrei geht wohl nicht auf externe Zwänge zurück. Auch hinsichtlich der Fahrzeuge gibt es (noch) Experten, sicherlich mehr als bei den Aufgabenträgern. Es wäre schade, wenn das vom Bundestag und den Bundesländern für die Verkehrswende locker gemachte Geld hinsichtlich der Barrierefreiheit keinen Fortschritt bedeuten würde. Frei nach einem Artikel zur Barrierefreiheit "Die DB ist nicht an allem schuld", doch mit Ruhm bekleckern tut sie sich auch zu selten.

Mit diesen meinen Eindrücken im Hinterkopf, was soll mir der Newsletter (Auszug siehe unten) sagen?! Lesen Sie bitte Ihren eigenen Text aus diesem Blickwinkel: "Mit uns kommen Sie immer entspannt an Ihr Ziel. So flexibel und kurzfristig, wie Sie es wollen." Da lachen ja die Hühner - zum Spielchen mit den Anmeldungen gehört auch "das hätten Sie gestern früh anmelden müssen" und - nachdem mir ein barrierefrei nutzbarer Zug eines anderen EVU wegen plötzlichen Gleiswechsels davon gefahren war - der Hinweis des DB-Lokführers des folgenden Zuges, der vom Führerstand der Lok den weiten Weg zum Doppelstock-Steuerwagen gekommen war, genauer seine Ermahnung, die Sache mit der Anmeldung ernster zu nehmen. Was kann denn ein Rollstuhlfahrer wie ich dafür, daß erst zeitgleich mit der Einfahrt eines Zuges ein Gleiswechsel angekündigt wird und für einen Verkehrsvertrag, der zu jener Tageszeit keinen Zugbegleiter vorsieht und was wäre durch die Anmeldung besser geworden?

Vermutlich kann keiner allein die Situation verbessern, doch wenn jeder Bereich seine Hausaufgaben macht, würde es schon besser. Daher die in dieser Mail enthaltenen Anregungen.

Mit freundlichen Grüßen
Bernd Kittendorf

Was danach geschah...

Seitens der Bahn...

Seitens der DB ist minutenschnell eine automatische Mail mit einer Bearbeitungsnummer eingetroffen. Ein paar Stunden später kam die Abgabe-Nachricht. Nun hat der Kundendialog meine Mail. Am 19.12.2019 kam von dort eine Abgabe-Information: "... heute an die zuständige Abteilung weitergegeben ...". Am 30.12.2019 erreichte mich ein Anruf und es folgten ein nettes, 36 Minuten langes Gespräch und ein persönlicher Gutschein-Code per Mail, übrigens wieder vom Kundendialog. Persönlich wichtiger wäre es mir, wenn tatsächliche Verbesserungen erfolgen würden.

An den Newsletter-Inhalten änderte sich nicht viel. Am 21.12.2019 um 11:35 Uhr schrieb bahn.de wieder:
> Wir vermissen Sie. [1]
> ...>
> **********
>
> bahn.de-Newsletter
> Ausgabe vom 21. Dezember 2019
>
> **********
>
> Sehr geehrter Herr Kittendorf,
>
> schade, dass wir Sie schon lange nicht mehr an Bord begrüßen
> durften. Vielleicht haben Sie ja Lust, wieder einmal mit uns zu
> reisen und die Vorteile des Bahnfahrens zu genießen. Mit uns kommen
> Sie immer entspannt an Ihr Ziel. So flexibel und kurzfristig, wie
> Sie es wollen. Lust bekommen? Dann überzeugen Sie sich von unseren
> Angeboten und Services.
>
> Jetzt Reise buchen
...>> Ihr bahn.de-Team
>

Die Rheinpfalz zum Aufzug in LU Mitte

Am 17.12.2019 ist in der Tageszeitung Die Rheinpfalz ein Artikel mit der Überschrift Ludwigshafen: Aufzug am Bahnhof Mitte soll ab 20. Dezember wieder funktionieren von Rebekka Sambale erschienen. Sie schreibt darin "Ab Freitag soll der Aufzug an Gleis 1 am Bahnhof Mitte wieder funktionieren – nach sieben Monaten Bauzeit. Das teilt die Deutsche Bahn mit, nachdem in den vergangenen Tagen Aushänge vor Ort noch Gegenteiliges behauptet hatten."

Am 26.12.2019 lautete die Überschrift "Bahnhof Ludwigshafen-Mitte: Aufzug immer noch nicht in Betrieb". Nach einem Fall von Vandalismus sei der Stand der Dinge laut einem Bahn-Sprecher: "Die Inbetriebnahme ist bis auf unbestimmte Zeit verschoben“. Was genau beschädigt wurde, konnte er nicht sagen.

Ersetzt wird ein Aufzug des Herstellers Kone aus dem Jahr 2003 mit einer Förderhöhe von 9,32 Metern.

von den anderen...

Auch von anderen Stellen erreichten mich Antworten, Kommentierungen, Ergänzungen oder ganz einfach freundliche Worte. "Die Rampen im Hbf Ludwigshafen/Rhein kann man nur bedingt als barrierefrei bezeichnen" und "Eine neue Karte zur „Barrierefreiheit an Bahnhöfen“ wird derzeit erstellt und soll zeitnah veröffentlicht werden" stammt vom Aufgabenträger für den SPNV dort (Zweckverband Schienenpersonennahverkehr Rheinland-Pfalz Süd). "An der Aussagekraft von Apps bin ich unter unterschiedlichen Gesichtspunkten auch immer wieder dran" stammt von einem MdB.

Unter www.bahnhof.de wurde am 29.12.2019 um 19:20 Uhr folgender Stand zu den Aufzügen angezeigt: Aufzug zu Gleis 2/3 Status: In Betrieb. Und was ist mit dem zu Gleis 1? Der kommt in den Daten noch nicht vor. Am 06.01.2020 um 20:00 Uhr stand zu beiden Aufzügen im Bahnhof Grünstadt dort "Zur Zeit keine Information", für Ludwigshafen (Rhein) Mitte hatte sich nichts geändert.


(bk, 2020-01-06)

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